Und plötzlich war da nur noch Angst...

Aktualisiert: 27. Apr. 2020

Wie die Angst mein Leben zum Stillstand brachte. Wozu sie aber auch gut war bzw. ist und wie sie mich in Bewegung gebracht hat.

Auf dem Weg

Meine erste Panikattacke werde ich im Leben sicherlich nicht mehr vergessen. Diese tiefe und allumfassende Überzeugung, dass du jetzt stirbst. Ein Gefühl, dass dein ganzes Wesen einnimmt. Die Symptome erfassen dich in einer Weise, die einem Sturm gleichen. Keine Chance auszuweichen. Weder gedanklich noch körperlich.


Viel zu arbeiten kann auch eine unbewusste Flucht sein

Ich hatte mir an diesem Tag, in einer ansonsten von viel Arbeit und großem Stress geprägten Phase, frei genommen. Zu dieser Zeit bereiteten wir gerade ein großes Sponsoring-Event eines Weltmeister-Boxkampfes vor. Es musste super viel koordiniert werden, viele Dinge gleichzeitig beachtet werden. Es raubte mir viel Kraft. Rückblickend betrachtet weiß ich aber, dass die Arbeit auch eine Art Flucht war und ein idealer Platz, meinen anderen Baustellen auszuweichen.



“Es sollten ein paar schöne Stunden werden”


Zusammen mit meinem damaligen Mann gingen wir mit unserer dreijährigen Tochter auf den Spielplatz. Es sollten ein paar schöne Stunden werden. Ich fühlte mich, wie zu dieser Zeit oft: schwach und nicht wirklich fit. Ein Kaffee würde helfen, war der Gedanke. Und dann ging es relativ schnell: es kamen Schwindel, Übelkeit und das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Nicht mehr stehen zu können, gleich umzufallen. Das Herz fängt an zu rasen. Die Atmung wird unkontrolliert. Das volle Programm. Irgendwie haben wir uns in ein Restaurant geschleppt. Meine Tochter und ihr Laufrad auf dem Arm. Den Krankenwagen gerufen, der mich in das nur 500m entfernte Krankenhaus brachte. Für mich eine gefühlte Ewigkeit.


Und dann wurden natürlich erstmal alle wichtigen Untersuchungen gemacht. Es stand der Verdacht eines Herzinfarktes im Raum. Der Verdacht bestätigte sich glücklicherweise nicht. Trotzdem musste ich zur Überwachung im Krankenhaus bleiben.

Anstatt die Zeit zu nutzen, mir Gedanken über mich und meinen Zustand zu machen, bat ich meinen Mann erstmal, meinen Laptop mitzubringen. Es stand ja ein Projekt vor der Tür, das erledigt werden musste.


Also wieder Flucht

“Ich MUSS ja”

Nachdem ich dann aus dem Krankenhaus entlassen wurde, habe ich erstmal wie zuvor weitergemacht. Es dauerte ca. 3 Wochen, bis die nächste Attacke kam. In der Zwischenzeit hatte ich immer öfter Momente der Derealisation. Ein Gefühl, als würde man träumen, als wäre man eben nicht real. Aber auch das habe ich ignoriert. Heute weiß ich um dieses Zeichen.

Ich verursachte auf dem Weg zum Sport-Event einen schweren Autounfall, in der Folge dessen ich auch meinen Führerschein abgeben musste. Das Event habe ich an diesem Tag trotzdem durchgezogen. Ging ja nicht anders, ich MUSSTE ja. Wenn auch wie im Traum.


Auch bei der zweiten Attacke landete ich im Krankenhaus. Diesmal an meinem Heimatort und das war gut so. Denn dieses verfügte über eine sehr gute psychosomatische Abteilung.

Nachdem auch hier die ersten Untersuchungen erledigt waren, es klar war, dass es eben (wieder) kein Herzinfarkt oder sonstiges war, schickte mir der Chefarzt den Leiter der Psychosomatik zum Gespräch.


Da hatte mein Erleben nun einen Namen: Panikattacke

Auf Empfehlen des Arztes habe ich mir direkt ein Buch zum Thema auf mein ebook geladen. Man will das "Problem" ja verstehen und vor allen Dingen lösen. Ich habe das auch alles verstanden, war überzeugt, dass ich das schnell in den Griff bekomme. Nur ein bisschen Sport, ein bisschen weniger Stress und dann geht das schon.

Wer schon mal Panikattacken hatte, weiß, wie anstrengend diese sind. Man fühlt sich danach, als hätte man einen Marathon hinter sich. Körperlich und geistig völlig im Eimer. Trotzdem bin ich noch im Krankenhaus um das selbige gejoggt.


Mit der bitteren Erkenntnis: Es geht nix. Null. Nada.


Den Gedanken, mit dem Job zu pausieren, hatte ich zu diesem Zeitpunkt trotzdem nicht. Ich MUSS ja. Immer noch.

Und ich musste zu meiner Tochter. Musste den Alltag meistern. Für sie und für den Rest da sein.

Wie gut erinnere ich mich an den ersten Tag nach dem Krankenhaus. Der kurze Weg in den Kindergarten erschien mir ewig lang und dermaßen beschwerlich. Niemals hätte ich gedacht, dass man sich so kraftlos und fertig fühlen kann. Dieser Weg brachte mir die Einsicht, dass ich es eben nicht mehr schaffe. Dass ich nicht mehr kann, so sehr ich auch den Hintern zusammen petzen würde.


Der Weg zur sysTelios


Wieder vom Kindergarten zurück, setzte ich mich an den Laptop und recherchierte. Mein Plan war, einen Ort zu finden, der mich wieder in die Kraft bringt. Ich landete auf der Seite der sysTelios Klinik in Wald-Michelbach und das dortige Konzept sprach mich direkt an. Auch wenn ich noch nicht wusste, was genau unter dem Begriff der hypnosystemischen Therapie zu verstehen ist, wusste ich: da will ich hin!


Ich hatte Glück und konnte mich bereits drei Wochen später auf den Weg in den Odenwald machen. Dieser Ort ist ohne Frage ein ganz besonderer. Und sicherlich auch nicht für jeden das "Richtige". Es war für mich der Beginn einer neuen Reise, die mein Leben grundlegend verändern sollte. Natürlich passierte das nicht alles in den drei Wochen, in denen ich dort war. Drei Wochen sind im übrigen die kürzeste Zeit, in denen ein Aufenthalt Sinn macht. Auch wenn ich länger hätte bleiben können und es sicherlich auch hilfreich gewesen wäre, so wollte ich doch wieder zurück zu meiner Tochter. Die Trennung war für uns beide schmerzlich.

(Heute gibt es in der Klinik sogar die Möglichkeit, die Kinder mitzubringen . Eine tolle Sache.)



“Mama, gell, du bist nur ein bisschen glücklich!"


Da erinnere ich mich an eine Aussage meiner Tochter, die sie bei einem Besuch äußerte:

"Mama, gell, du bist nur ein bisschen glücklich!"

Und sie hatte so Recht!!! Bis ich aber wieder das Gefühl hatte, wenigstens ein bisschen mehr glücklich zu sein, war es noch ein langer Weg. Heute weiß ich aber: die Angst hat mich dazu gebracht, andere WEGE einzuschlagen. Und sie bzw. ihre Symptome sind auch heute noch ein guter Indikator für meinen körperlichen und geistigen Zustand. Diese anzuerkennen und vor allen Dingen entsprechend zu handeln sind dabei wichtige learnings aus dieser Phase.


Was genau mich da beWEGt hat und immer noch beWEGt, findest du hier auf der Seite. Ich bin noch ganz am Anfang, daher bitte ich dich um etwas Geduld. Es lohnt sich aber ganz bestimmt , dran zu bleiben :-)


feel in MOTION - get in MOTION.


Andrea