Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße

Diese Zeilen von Martin Walser passen gerade so gut in meinen aktuellen Prozess.


Mut

Mut gibt es gar nicht. Sobald man überlegt, wo man ist, ist man schon an einem bestimmten Punkt. Man muss nur den nächsten Schritt tun. Mehr als den nächsten Schritt kann man überhaupt nicht tun.

Wer behauptet, er wisse den übernächsten Schritt, lügt. So einem ist auf jeden Fall mit Vorsicht zu begegnen. Aber wer den nächsten Schritt nicht tut, obwohl er sieht, dass er ihn tun könnte, tun müsste, der ist feig. Der nächste Schritt ist nämlich immer fällig. Der nächste Schritt ist nämlich nie ein großes Problem. Man weiß ihn genau.

Eine andere Sache ist, dass er gefährlich werden kann. Nicht sehr gefährlich. Aber ein bisschen gefährlich kann auch der fällige nächste Schritt werden.

Aber wenn du ihn tust, wirst du dadurch, dass du erlebst, wie du ihn dir zugetraut hast, auch Mut gewinnen. Während du ihn tust, brichst du nicht zusammen, sondern fühlst dich gestärkt. Gerade das Erlebnis, dass du einen Schritt tust, den du dir nicht zugetraut hast, gibt dir ein Gefühl von Stärke.


Es gibt nicht nur die Gefahr, dass du zu viel riskierst, es gibt auch die Gefahr, dass du zu wenig riskierst.


Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.

MARTIN WALSER


Diese Zeilen von Martin Walser passen gerade so gut in meinen aktuellen Prozess.


Von himmel-hoch-jauchzend bis zu Tode betrübt

Die letzten Tage und Wochen sind geprägt von Extremen. Von einer großen Bandbreite an Gefühlen, von himmel-hoch-jauchzend bis hin zu Tode betrübt. Von absoluter Zuversicht bis hin zu totaler Verzweiflung. Und genau in dieser Zeit der Extreme, durfte ich am Freitag innerhalb weniger Stunden vielleicht wegweisende Erfahrungen machen und Begegnungen haben.


Auch wenn daraus „nix“ wird, ist doch schon etwas Großartiges entstanden. Es ist der Mut, der aus meinem Traum nun auch eine Vision entstehen lässt. Die mir die nötige Power gibt, den nächsten Schritt zu tun. Nichtwissend, wo der Weg hinführt. Aber alleine sich aufzumachen, ist es schon wert genug.

In einer Zeit, in der viele Menschen verzweifelt sind, einsam und isoliert, ohne Hoffnung. In der Kinder ohne die wichtigen sozialen Kontakte auskommen müssen. Manche noch mehr leiden, als unter normalen Umständen eh schon. Es Eltern gibt, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Deren Existenz bedroht oder vielleicht schon zerstört ist.

 
Eine Zeit, deren Umstände dazu führt, dass wir an uns und den Menschen um uns herum gar nicht vorbeikommen. Dass wir uns, mit allen Ängsten, Emotionen und Facetten, die wir in uns tragen, wahrhaftig begegnen müssen. Weil wir uns selbst und dem anderen nicht ausweichen können. Das birgt oft Zündstoff für große Explosionen. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so oft geweint habe, wie in den vergangenen Wochen. Ich weiß aber auch nicht, wann ich zuletzt so tiefe und aufrichtige Gespräche und Gesten der Liebe, Wertschätzung und Zuversicht erlebt habe.


Fakt ist, und davon bin ich überzeugt, dass jede Krise, durch die wir gehen, jede Explosion, die wir mitmachen, uns die große Chance der Weiterentwicklung gibt. Zuversicht, dass wir viel mehr aushalten und schaffen können, als wir zuvor gedacht haben.


Dabei trotzdem Momente der Verzweiflung, der großen Angst, der absoluten Mutlosigkeit zu haben, auch zerstörerische Wut zu spüren, ist vielleicht Teil der Entwicklung und „darf“ als solche dann auch anerkannt und wertgeschätzt werden.


Nicht in diesem Modus zu verharren, sich aufrichtig fragen, WAS einen runtergezogen hat, WAS aber auch da ist, das einen wieder hochzieht. Den Menschen, die einem wichtig sind, an den eigenen Gedanken, Gefühlen und Wünschen teilhaben lassen.


Im aufrichtigen Umgang miteinander steckt meines Erachtens so viel Gutes und lässt so viel Potenzial entstehen. Potenzial für Mut zum Beispiel. Und dann geht man den nächsten Schritt nicht zwangsläufig alleine, sondern gemeinsam. Auch wenn er weder ungefährlich, noch risikoarm ist.


feel in MOTION – get in MOTION


Andrea